Im Anfall und im Notfall
Was tue ich während eines Anfalls und was auf keinen Fall?
Stand: 10.08.2026
Ein Anfall wirkt oft dramatischer, als er ist. Die meisten Anfälle enden nach kurzer Zeit von selbst. Deine wichtigste Aufgabe ist nicht, den Anfall zu stoppen, sondern dein Kind sicher durch ihn hindurch zu begleiten.
Ruhe bewahren und die Zeit im Blick behalten
Der erste Schritt ist immer: durchatmen und auf die Uhr schauen. Die Dauer eines Anfalls ist die wichtigste Information für Ärztinnen und Ärzte und sie entscheidet mit darüber, ob ein Notfallmedikament oder der Rettungsdienst nötig wird. Ohne Zeitmessung fühlt sich fast jeder Anfall endlos an.
Bleib bei deinem Kind, sprich ruhig und leise, auch wenn es dich in diesem Moment nicht bewusst wahrnimmt. Andere Kinder oder Umstehende darfst du freundlich bitten, Abstand zu halten.
Das schützt dein Kind während des Anfalls
Während eines Anfalls mit Sturz und Verkrampfen zählt vor allem der Schutz vor Verletzungen. Praktisch heißt das:
- Gefährliche Gegenstände wegräumen, harte Kanten abpolstern
- Etwas Weiches unter den Kopf legen, zum Beispiel eine Jacke
- Brille abnehmen, enge Kleidung am Hals lockern
- Nach dem Ende der Krämpfe in eine stabile Seitenlage bringen, damit Speichel abfließen kann
- Bei dir bleiben, bis dein Kind wieder ansprechbar ist
Bei Anfällen ohne Sturz, etwa Absencen oder Anfällen mit verändertem Bewusstsein, gilt Ähnliches in leichterer Form: Wege freihalten, dein Kind sanft von Treppen, Straßen oder heißen Flächen weglenken, es aber nicht festhalten.
Was du auf keinen Fall tun solltest
Einige alte Ratschläge sind gefährlich. Diese Dinge unterlässt du bitte in jedem Fall:
- Nichts in den Mund schieben, keinen Löffel, kein Tuch, keine Finger. Die Zunge kann nicht verschluckt werden, Verletzungen und Erstickungsgefahr sind aber real.
- Krampfende Arme und Beine nicht festhalten oder gegen die Bewegung drücken. Das führt zu Zerrungen und Prellungen und beendet den Anfall nicht.
- Kein Wasser, keine Tabletten, kein Essen und Trinken, solange dein Kind nicht wieder klar ansprechbar ist.
- Nicht wachrütteln oder anschreien, nicht mit kaltem Wasser übergießen.
- Dein Kind nicht allein lassen und nicht ohne Grund transportieren.
Wann es ein Notfall ist
Ein Anfall wird zum Notfall, wenn er deutlich länger dauert als die für dein Kind bekannten Anfälle, wenn Anfälle in kurzer Folge aufeinander kommen oder wenn dein Kind danach nicht wieder zu Atem und Bewusstsein findet. Auch bei einem ersten Anfall, bei schweren Verletzungen, bei einem Anfall im Wasser oder anhaltend blauen Lippen rufst du den Rettungsdienst.
Viele Familien haben vom behandelnden Zentrum eine schriftliche Anweisung, ab welcher Dauer ein Notfallmedikament gegeben wird und wer es geben darf. Halte diesen Notfallplan gut sichtbar und aktuell, zu Hause und in Schule oder Kita.
Die Zeit nach dem Anfall
Nach einem Anfall sind viele Kinder erschöpft, verwirrt oder brauchen Schlaf. Gib deinem Kind Zeit, dränge nicht zu Erklärungen und biete erst dann etwas zu trinken an, wenn es sicher wach und schluckfähig ist. Kurze Reizarmut hilft mehr als viele Fragen.
Notiere danach kurz: Uhrzeit, Dauer, Aussehen des Anfalls, Auslöser wie Schlafmangel oder Fieber, Zustand danach. Solche Notizen sind für die nächste Sprechstunde wertvoller als jede Erinnerung aus dem Kopf.
Zusammenfassung
Während eines Anfalls schützt du, beobachtest und messt die Zeit. Du hältst nichts fest, schiebst nichts in den Mund und gibst nichts zu trinken. Nach dem Ende der Krämpfe hilft die stabile Seitenlage, danach Ruhe und eine kurze Notiz. Bei ungewöhnlich langen oder sich wiederholenden Anfällen, bei einem ersten Anfall oder bei Atemproblemen holst du sofort Hilfe.
So hilft Wolkenfreie Zeit
Wenn dein Kind eine Assistenz in Kita oder Schule hat, gehört der Umgang mit Anfällen zu den ersten Themen, die wir gemeinsam klären. Wir sprechen mit dir durch, wie die Anfälle deines Kindes typischerweise aussehen, was die ärztliche Anweisung vorgibt und wer im Ernstfall welche Rolle übernimmt. So weiß die Begleitperson im Alltag, worauf sie achtet, wie sie dokumentiert und wann sie Hilfe holt.
Der nächste Schritt: Bring den aktuellen Notfallplan aus der behandelnden Praxis oder Klinik mit und melde dich bei uns, damit wir die Absprachen mit Schule oder Kita zusammen festhalten können.
Häufige Fragen
Nein. Bei bekannten, kurzen Anfällen, die wie gewohnt verlaufen und gut abklingen, reicht meist die Beobachtung und eine Notiz. Bei einem ersten Anfall, ungewöhnlichem Verlauf, Verletzungen oder Atemproblemen rufst du Hilfe.
Ja, wenn dein Kind dabei sicher liegt und du niemanden aus dem Blick verlierst. Ein kurzes Video hilft der ärztlichen Einordnung der Anfallsart oft mehr als eine Beschreibung.
Kurz, sachlich und ohne Dramatik erklären, dass das Gehirn für einen Moment durcheinandergerät und dass es wieder vorbeigeht. Was genau erzählt wird, entscheidest du gemeinsam mit deinem Kind.
Dieser Artikel informiert allgemein und sorgfältig recherchiert. Er ersetzt keine Rechtsberatung und keine medizinische Beratung im Einzelfall. Verbindliche Auskünfte geben die zuständigen Stellen, Anwältinnen und Anwälte sowie Ärztinnen und Ärzte.