Alltag & Praxis
Eingewöhnung nach dem Berliner Modell: wie die ersten Wochen gelingen
Stand: 01.08.2026
Der Wechsel von der Familie in die Kita ist für ein Kind einer der größten Übergänge der ersten Lebensjahre. Es verlässt eine vertraute Bindungsperson und muss sich auf fremde Erwachsene, fremde Kinder und einen fremden Raum einlassen.
Das Berliner Eingewöhnungsmodell sorgt dafür, dass dieser Übergang nicht abrupt geschieht, sondern in kleinen Schritten, orientiert am Verhalten des einzelnen Kindes und nicht an einem starren Kalender. In den meisten Kitas in Deutschland ist es die fachliche Grundlage der Eingewöhnung.
Die vier Phasen
Grundphase, in der Regel Tag eins bis drei: Das Kind kommt gemeinsam mit einer Bezugsperson, meist einem Elternteil, für ein bis zwei Stunden in die Gruppe. Die Bezugsperson bleibt im Raum und verhält sich bewusst zurückhaltend, sitzt am Rand, beobachtet und drängt sich nicht ins Spiel. In dieser Phase findet noch keine Trennung statt.
Trennungsversuch, meist ab Tag vier: Die Bezugsperson verabschiedet sich kurz und klar, niemals heimlich, und verlässt für wenige Minuten den Raum. Die Reaktion des Kindes entscheidet über das weitere Tempo. Lässt es sich trösten und wendet sich wieder der Gruppe zu, wird die Trennungszeit schrittweise verlängert. Weint es anhaltend und lässt sich nicht beruhigen, kehrt die Bezugsperson sofort zurück, und ein neuer Versuch erfolgt frühestens am nächsten Tag.
Stabilisierungsphase: Die Erzieherin übernimmt zunehmend die alltägliche Versorgung, also Wickeln, Essen und Trösten. Die Trennungszeiten wachsen, die Bezugsperson bleibt aber im Haus oder ist sofort erreichbar.
Schlussphase: Die Bezugsperson hält sich nicht mehr in der Einrichtung auf. Das Kind akzeptiert die Fachkraft als sichere Basis und lässt sich auch bei echtem Kummer von ihr trösten. Erst dann gilt die Eingewöhnung als abgeschlossen. Die Gesamtdauer schwankt stark, manche Kinder brauchen zwei Wochen, andere sechs.
Warum es eine feste Bezugserzieherin gibt
Kleine Kinder regulieren Angst und Unsicherheit nicht allein, sie brauchen dafür eine vertraute Person. Ziel der Eingewöhnung ist deshalb der Aufbau einer neuen, tragfähigen Beziehung, nicht der Ersatz der Eltern, sondern eine zusätzliche sichere Bindung.
Deshalb wird jedem Kind eine feste Bezugserzieherin zugeordnet, die die Eingewöhnung führt. Wechselnde Bezugspersonen erschweren den Bindungsaufbau erheblich, denn ein Kind kann sich nicht an fünf Erwachsene gleichzeitig binden.
Trennungsschmerz ist normal
Weinen beim Abschied ist kein Zeichen von Fehlverhalten der Eltern und kein Alarmsignal an sich. Es zeigt, dass ein Kind gebunden ist.
Entscheidend ist nicht das Weinen selbst, sondern die Frage, ob sich das Kind innerhalb angemessener Zeit von der Fachkraft trösten lässt. Ein Kind, das kurz weint, sich dann an der Erzieherin orientiert und wieder ins Spiel findet, zeigt einen gesunden Verlauf.
Woran du einen guten Verlauf erkennst
- Das Kind lässt sich nach dem Abschied innerhalb weniger Minuten trösten.
- Es zeigt zunehmendes Interesse an Spielmaterial, anderen Kindern oder dem Tagesablauf.
- Schlaf, Appetit und Stimmung pendeln sich innerhalb von ein bis zwei Wochen wieder ein.
- Es sucht aktiv Blickkontakt oder Nähe zur Bezugserzieherin, wenn es unsicher ist.
Wann Vorsicht geboten ist
- Das Kind lässt sich auch nach mehreren Tagen nur durch die Rückkehr der Bezugsperson beruhigen.
- Anhaltender Appetitverlust, starke Schlafstörungen oder körperliche Beschwerden über mehr als wenige Tage.
- Auffällige Apathie: Das Kind wirkt nicht verzweifelt, sondern wie abgeschaltet.
- Deutliche Rückschritte, nachdem sich bereits eine Stabilisierung angedeutet hatte.
In diesen Fällen gehört die Beobachtung umgehend zur Bezugserzieherin, damit das Tempo angepasst werden kann.
Zusammenfassung
Die Eingewöhnung nach dem Berliner Modell verläuft in vier Phasen und richtet sich nach dem Kind, nicht nach dem Kalender. Weinen beim Abschied ist normal, entscheidend ist die Tröstbarkeit durch die Fachkraft. Rückschritte über mehrere Tage sind ein Signal, das Tempo zu verlangsamen.
So hilft Wolkenfreie Zeit
Wenn dein Kind mit Assistenz in die Kita startet, achten wir besonders auf die Rollenklarheit: Die Eingewöhnung führt fachlich immer die Bezugserzieherin. Die Assistenzkraft hält ihr den Rücken frei, beobachtet genau und gibt ihre Beobachtungen weiter, statt selbst zur Bindungsperson des einzugewöhnenden Kindes zu werden.
Über Tempo, Verlängerung oder Abbruch von Trennungsversuchen entscheidet die Fachkraft gemeinsam mit dir, nicht die Assistenz.
Häufige Fragen
Meist zwei bis sechs Wochen. Das Modell richtet sich nach dem Bindungsverhalten des Kindes, nicht nach einem festen Zeitplan.
Nein. Der Abschied ist immer kurz, klar und sichtbar. Ein heimliches Verschwinden untergräbt das Vertrauen und erschwert die nächsten Trennungen.
Nicht unbedingt. Entscheidend ist, ob es sich innerhalb weniger Minuten von der Fachkraft trösten lässt und danach wieder ins Spiel findet. Anhaltende Untröstlichkeit über Tage ist dagegen ein Grund, das Tempo zu verlangsamen.
Dieser Artikel informiert allgemein und sorgfältig recherchiert. Er ersetzt keine Rechtsberatung und keine medizinische Beratung im Einzelfall. Verbindliche Auskünfte geben die zuständigen Stellen, Anwältinnen und Anwälte sowie Ärztinnen und Ärzte.